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Medizin: Wikipedia auf dem Prüfstand. Qualität von Gesundheitsinformationen ist hoch, befriedigend und sehr niedrig.

Von Claus Fritzsche | 11.Januar 2012

Sind medizinische und Gesundheitsinformationen der freien Enzyklopädie Wikipedia zuverlässig, fachlich fundiert, vielleicht sogar evidenzbasiert? Vier wissenschaftliche Analysen gingen dieser Frage nach und ziehen ein Fazit, welches sich stark vereinfacht wie folgend zusammenfassen lässt: Wikipedia bietet uns Gesundheitsinformationen hoher, mittlerer und auch sehr niedriger Qualität. Welche Qualität ein bestimmter Artikel hat, das erfahren wir leider nicht. Ein großes Geheimnis bleibt auch die Frage, welche Autoren mit welcher Qualifikation und mit welcher Motivation einen Artikel verfasst haben. Was sich bei Wikipedia gestern noch durch Lehrbuchqualität auszeichnete, das kann heute schon – nur wenige Edits später – unbrauchbar sein. Zu den größten Problemen der Wikipedia-Community gehört wahrscheinlich die Droge Anonymität“. Sie wird von einem sehr großen Teil der gegenwärtig rund 270 deutschen Administratoren wie ein heiliger Gral verteidigt. Anonymität dient innerhalb der Wikipedia-Community allerdings nicht nur dem Persönlichkeitsschutz. Sie verschleiert auch die Bildung von möglichen Kartellen und erlaubt intransparente Admin-Strukturen rund um Checkuser-, Autorensperr- und Blacklist-Prozesse.

Journalismus à la Wikipedia: eine nützliche und zugleich riskante Quelle

Die Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP) verbietet ihren Journalisten seit 2011, Wikipedia „als Quelle“ zu nutzen und Wikipedia-Zitate zu übernehmen. Nach Aussage der Tageszeitung Le Figaro (1) wurde dieses Verbot durch eine AFP-Meldung über den ehemaligen Judo-Olympiasieger und heutigen Sport-Minister David Douillet ausgelöst, die sich scheinbar zu stark am Wikipedia-Artikel über Douillet orientierte. Wiki-Watch hat der Geschichte im vergangenen Jahr einen ausführlichen Blog-Kommentar gewidmet (2) und erläuterte, warum Wikipedia für Journalisten sowohl eine wertvolle Quelle als auch eine große Gefahr sein kann:

„Wikipedia ist also der Gatekeeper, das Eingangstor in eine Themenwelt, Ausgangspunkt für eine tiefergehende Recherche. Wenn es gut läuft, führt diese zur Verifizierung und weiteren Fundierung der gewonnenen Erkenntnisse. Wenn es besonders gut läuft, findet sich dann das Ergebnis einer guten Recherche in einer veröffentlichten Geschichte wieder. Diese wird wiederum in Wikipedia zitiert, Wikipedia bleibt Sekundärquelle und wird ebenfalls fundierter.

Wenn es schlecht läuft, wird Unverifiziertes abgeschrieben. Wenn es ganz schlecht läuft, ist das Unverifizierte auch falsch. Das Beispiel des erfundenen Vornamens „Wilhelm“ in der Vornamenkette von Karl-Theodor zu Guttenberg, verwendet von zahlreichen großen Medien, wird dafür immer wieder als Beispiel herangezogen. Und wenn es noch schlechter läuft, landet die falsche Information aus Wikipedia in einem Medium und anschließend wieder in Wikipedia, die fortan das Medium als Quelle für die vermeintliche Richtigkeit zitieren kann. In einer an prominenter Stelle in den Wikipedia-Beleg-Grundsätzen platzierten Grafik, machen sich die Wikipedianer über dieses Wechselspiel selbst lustig.“

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Vier fundierte Analysen von Wikipedia-Gesundheitsinformationen:

Um Ihnen eine grobe Vorstellung davon zu vermitteln, wie stark die Qualität von medizinischen und Gesundheitsinformationen bei Wikipedia variieren kann, stelle ich Ihnen hier vier stichprobenartig ausgewählte Analysen vor. Diese Analysen erheben nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein. Sie sind es auch wert, selbst noch einmal kritisch hinterfragt zu werden. Sie stammen jedoch alle von Expertinnen und Experten mit einer überdurchschnittlichen fachlichen Qualifikation und sind zumindest als Stimme sehr ernst zu nehmen:
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1.  Sind medizinische und Gesundheitsinformationen von Wikipedia evidenzbasiert? Eine Analyse von Prof. Ingrid Mühlhauser, Friederike Oser und Studierenden.

Univ.-Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser und Friederike Oser gingen der Frage nach, ob „medizinische und Gesundheitsinformationen auf den Internetseiten von Wikipedia evidenzbasiert“ sind und publizierten die Ergebnisse ihrer Inhaltsanalyse 2008 in der Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen (3). Die Autorinnen und 22 Studierende der Gesundheitswissenschaften stellten fest, dass die medizinischen und Gesundheitsinformationen auf den Internetseiten von Wikipedia (und zwei großen deutschen gesetzlichen Krankenkassen) wichtige Kriterien für evidenzbasierte Patienteninformationen nicht erfüllen. Auszug aus dem Abstract der Publikation:

„Insgesamt wurden von allen 3 Anbietern wichtige Kriterien für evidenzbasierte Patienteninformationen nicht erfüllt, wie die Kommunikation von Wahrscheinlichkeiten für Erfolg, Misserfolg und Nebenwirkungen von Interventionen in Bezug auf patientenrelevante Ergebnisparameter sowie die Darstellung von Risiken. Angaben zum Ziel der Interventionen, dem natürlichen Verlauf der Erkrankung oder Interventionsmöglichkeiten wurden im Durchschnitt nur als teilweise erfüllt bewertet … Die Informationen in Wikipedia wurden zudem in der Tendenz als weniger gut verständlich bewertet. Zusammenfassend ist die Qualität der Informationen zwischen Wikipedia und 2 großen deutschen Krankenkassen vergleichbar, wobei aber wichtige Kriterien für evidenzbasierte Patienteninformationen von keinem der Anbieter erfüllt werden.“

Die deutsche Wikipedia-Redaktion „Medizin“ kommentierte die Analyse im Rahmen eines Leserbriefs (4). Hier weist sie darauf hin, dass Wikipedia nicht als Patientenratgeber konzipiert ist sondern als Enzyklopädie, die Wissen verständlich aufbereitet. Der anonyme (!) Leserbrief der Wikipedia-Medizinredaktion enthält übrigens einen bemerkenswerten Widerspruch: Auf der einen Seite bestätigen die Verfasser freimütig, dass „immer wieder unrichtige oder verfälschte Inhalte eingestellt werden“ und es „zu weiteren Schwierigkeiten bezgl. der von Steckelberg et al. geforderten Metainformationen (Verfasser, Sponsoren, finanzielle Abhängigkeiten, Ziele der Publikation)“ kommt. Auf der anderen Seite behaupten die Verfasser, Wikipedia-Inhalte durch „die Möglichkeit des permanenten vielfachen peer-review von fachkundigen Mitlesern, die einseitige oder gar falsche Darstellungen in der Regel sehr schnell erkennen und entfernen“ qualitativ kontrollieren zu können. Beide Möglichkeiten zusammen machen logisch jedoch keinen Sinn, weil eine „abschließende“ Kontrolle nicht existiert, jederzeit Änderungen möglich sind und die Wikipedia-Medizinredaktion nicht belegen kann, ob die behauptete Fachkunde der Mitleser auch eine reale Fachkunde ist. Diese Frage lässt sich nur im Einzelfall beantworten – nicht pauschal. Zwei der hier vorgestellten Experten-Analysen stützen die Annahme, dass die „Qualität der fachkundigen Mitleser“ eine hinterfragungswürdige These ist.
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Die „Weisheit der Vielen“ oder die Macht weniger Wikipedia-Insider?

Bei über 1,4 Mio. Artikeln allein in deutscher Sprache mag es „viele“ fachkundige Mitleser geben, die einseitige oder gar falsche Darstellungen in spezifischen Artikeln erkennen und entfernen. Dass Qualität auf diese Weise lückenlos gesichert wird, das verhindern jedoch bereits die intransparenten Machtstrukturen von Wikipedia.

Marius Beyersdorff schreibt dazu in seiner Dissertation (5) „Wer definiert Wissen? Wissensaushandlungsprozesse bei kontrovers diskutierten Themen in „Wikipedia – Die freie Enzyklopädie“ – Eine Diskursanalyse am Beispiel der Homöopathie“:

„Die in der Wikipedia bestehenden Machtstrukturen sind in sich komplex und für neue Nutzer anfangs schwer durchschaubar. Das System vereint Züge von Anarchie, Heterarchie, Hierarchie, Demokratie, Meritokratie, Technokratie und Diktatur … Technokratische Züge beeinflussen die Entwicklung der Wikipedia dadurch, dass sich im Laufe der Zeit im Projekt einerseits ein komplexes Regelwerk bildet und sich andererseits Formen sozialer Verdichtung abbilden, die die Stellung von arrivierten Nutzern – respektive Experten – erhöht. Da das komplexe Regelsystem und die Funktionen der MediaWiki-Software deshalb besonders von Insidern des Projekts verstanden werden, beeinflussen diese die Entwicklung maßgeblich.“

Marius Beyersdorff analysierte die Wikipedia-internen Machtstrukturen am Beispiel des Artikels der Homöopathie mit einer Akribie und in einer Detailtiefe, wie wahrscheinlich niemand zuvor. Die Entwicklung des Homöopathie-Artikels zeigt dabei, dass der partizipative Ansatz („Jeder kann mit seinem Wissen dazu beitragen“) in der Wikipedia nur teilweise praktiziert wird. Ein Grund für diese Qualität und Ausgewogenheit potenziell hemmende Situation: „Die in der Hierarchie höher gestellten Mitarbeiter haben mehr Macht, ihre Positionen in Edit-Wars z. B. durch Sperrungen des Artikels durchzusetzen“ (6).

Der „Peer-Review“ von fachkundigen Mitlesern mag bei vielen Artikeln Qualität und Ausgewogenheit verbessern. Als System-Merkmal von Wikipedia ist er jedoch ein Mythos. Auf der einen Seite gibt es Nischen-Themen, die mangels Interesse nur von wenigen Personen betreut werden. Auf der anderen Seite werden kontrovers diskutierte Themen leicht von sehr wenigen und mächtigen Wikipedia-Insidern dominiert. Marius Beyersdorff hat dieses Phänomen in Kapitel 4. seiner Dissertation am Beispiel des Wikipedia-Artikels „Homöopathie“ eindrucksvoll dokumentiert. Ich selbst habe 2007 die Ergebnisse einer mehrmonatigen Recherche in einem Blogbeitrag beschrieben (7) und dabei das regelwidrige und auffallend aggressive Verhalten einer hoch in der Wikipedia-Hierarchie stehenden Person plastisch geschildert. Kurze Zeit später wurde die Domain meines Blogs auf die Wikipedia-Blacklist gesetzt (8) und mein Autoren-Account (wenn ich mich richtig erinnere mit 2 bis 5 Artikel-Edits) ohne Rücksprache mit mir gesperrt. Das hier aktive ideologische Netzwerk – es handelt sich um Aktivisten der sog. Skeptiker-Bewegung – fühlte sich wohl ertappt und nutzte anschließend einen anonymen Internet-Pranger, um die Deutungshoheit über diesen Vorfall zu gewinnen (siehe Screenshot und die folgenden Links: PR für den Internet-Pranger bei Wikpedia: A, B, C, Kritik an Straftaten des Internet-Prangers:  D. Damals lernte ich weitere Autoren kennen, welche die Macht von Wikipedia-Insidern ebenfalls zu spüren bekamen, nachdem sie deren regelwidriges Verhalten deutlich kritisierten (7).

Machtkämpfe wie jene rund um den Homöopathie-Artikel sind wahrscheinlich ein Extremfall und nicht repräsentativ für die Mehrzahl der Wikipedia-Inhalte. Gerade als Zuspitzung zeigt dieser Artikel jedoch, wie Machtstrukturen bei Wikipedia funktionieren, wenn es unter den Autoren und Administratoren eine hohe weltanschauliche bzw. ideologische Motivation gibt. In diesen Fällen setzen sich wenige Personen durch, die in der Wikipedia-Hierarchie hoch angesiedelt sind (über einflussreiche Netzwerke verfügen), viel Freude am Machtkampf (5) und wenig Freude an Moderation und Konsensfindung haben.

2. Beurteilung der Qualität zahnmedizinischer Einträge in Wikipedia. Ein Vergleich mit zahnmedizinischer Fachliteratur von Annette Lorenz (Dissertation).

Annette Lorenz untersuchte in ihrer Dissertation (9) die medizinisch-wissenschaftliche Qualität aller 285 zahnmedizinischen Einträge der deutschsprachigen Wikipedia im Zeitraum November 2006 bis Januar 2008. Die Wikipedia-Artikel wurden dabei mit Inhalten zahnmedizinischer Fachliteratur verglichen und auf der Grundlage dieser Bewertungsbasis als „lehrbuchtauglich“, „bedingt lehrbuchtauglich“ oder „nicht lehrbuchtauglich“ eingestuft. Auch wenn sich Leser nicht blind auf die Qualität einzelner Artikel verlassen können, lässt sich das Fazit von Annette Lorenz durchaus als Kompliment für die Arbeit von Wikipedia bewerten:

„Von den 261 auswertbaren zahnmedizinischen Einträgen in WIKIPEDIA waren 28% qualitativ mit einem Lehrbuch vergleichbar. 56% der Beiträge vermittelten richtiges Wissen; sie waren aber von der Qualität der Darstellung nicht mit einem Lehrbuch ebenbürtig. 16% der Artikel enthielten inhaltliche Fehler und waren nicht geeignet, aktuelles zahnmedizinisches Fachwissen zu verbreiten.“

Wenn 84% der untersuchten Inhalte zumindest schon einmal „richtiges Wissen“ vermitteln, dann spricht dies für ein insgesamt hohes Nivau der untersuchten zahnmedizinischer Inhalte. 56% der untersuchten Inhalte zeigen allerdings Defizite in der Darstellung. Hier gibt es eine Parallele zur Publikation von Mühlhauser et al. und eine deutliche Diskrepanz zur Selbsteinschätzung der Wikipedia-Redaktion „Medizin“, die für sich in Anspruch nimmt, Wissen verständlich darzustellen (4). Mühlhauser et al. schreiben: „Die Informationen in Wikipedia wurden zudem in der Tendenz als weniger gut verständlich bewertet“ (3).
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3. Wikipedia-Kritik: Neuraltherapie wird sachlich falsch und tendenziös dargestellt. Eine Bestandsaufnahme von Dr. med. Hans Barop.

Die Neuraltherapie ist ein komplementärmedizinisches Verfahren, bei dem ein lokales Betäubungsmittel injiziert wird, um Störungen des vegetativen Nervensystems zu beheben und eine Selbstheilungsreaktion auszulösen. Unter der Bezeichnung „therapeutische Lokalanästhesie“ kommt dieses Therapieverfahren auch in der konventionellen Medizin – speziell in der Schmerztherapie – zum Einsatz.  Das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) der Schweiz gab 2011 bekannt (10), dass es die Schmerzbehandlung mittels Neuraltherapie als „nicht zur Komplementärmedizin zugehörige Leistung beurteilt, deren Kosten zu übernehmen sind“. In der Schweiz ist somit ein großer Teil der Neuraltherapie (die lokale und segmentale NT) inzwischen offiziell anerkannt – und zwar nach einer wissenschaftlichen Evaluierung.

Der Hamburger Arzt und Neuraltherapie-Experte Dr. med. Hans Barop prüfte Anfang 2010, inwieweit der Wikipedia-Artikel über die Neuraltherapie den derzeitigen Wissensstand repräsentiert (11). Das Ergebnis seiner Untersuchung fasste er mit den folgenden Worten zusammen:

„Der Wikipedia-Eintrag wurde von nicht hinreichend qualifizierten Personen vorgenommen. Die Informationen über die Neuraltherapie sind veraltet und tendenziös Nach Informationen suchenden Bürgern und Hilfe suchenden Patienten wird ein teils auf falschen teils auf veralteten Informationen basierendes abschreckendes Zerrbild der Behandlungsmethode präsentiert. Zusammengefasst würde die Aussage über Neuraltherapie bei Wikipedia etwa lauten: Es handelt sich um eine Behandlungsmethode mit außerordentlicher Gefährlichkeit ohne weiteren Nutzen für den Patienten.“

Dr. med. Hans Barop stellte in seiner Analyse fest, dass die aktuelle wissenschaftliche Literatur von den Autoren komplett ignoriert wird und sich die geschilderten Komplikationen auf 30 bis 50 Jahre alte Fälle beziehen, die mit fehlerhaften Injektionstechniken zusammenhängen, die nicht der Methode anzulasten sind und die schon seit Jahrzehnten nicht mehr zum Einsatz kommen.

Ein Blick in die Versionsgeschichte des Neuraltherapie-Artikels zeigt, dass es sich auch hier um Einflüsse einer speziellen Gruppierung handelt, der sog. Skeptiker-Bewegung. Zu diesem Kreis gehörende Personen waren in der Vergangenheit in einflussreicher Position bei Wikimedia Deutschland e.V. aktiv (Vorstand, Community-Betreuung). Sie verfügen innerhalb der deutschen Wikipedia über ein starkes Netzwerk und nutzen Wikipedia aktiv als Instrument für ihren ideologisch-politischen Kampf. Dabei geht es ihnen darum, weltanschaulich relevante Themen zu beeinflussen und Wikipedia-Artikel mit einem ideologisch erwünschten „Spin“ zu versehen. Bei Feindbildern wie z. B. der Komplementärmedizin ist dieser „Spin“ negativ, bei eigenen Organisationen und Medien (GWUP, EW) ist der „Spin“ hingegen positiv (Kritik unterdrückend).

+ + + + + + + + + „Skeptiker“-Bewegung: + + + + + + + + + + +
So sieht sich der „Skeptiker“-Verein GWUP selbst (Vereins-Homepage) und so sehen ihn Kritiker (Skeptizismus.de, GWUP/Fossa, Fossa/Dumbs.
Edgar Wunder, „Das Skeptiker-Syndrom“
DIE ZEIT (1999): „Die Skeptiker gebärden sich wie eine Politsekte“
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„Skeptiker“ bei Wikipedia: „Wissen und Macht im Web 2.0 – Entscheidungsprozesse in Wikipedia am Beispiel der Homöopathie“
Die Dissertation von Marius Beyersdorff thematisiert überwiegend Machtkämpfe zwischen Mitgliedern des einflussreichen und relativ großen „Skeptiker“-Netzwerks bei Wikipedia Deutschland und Autoren.
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4. „Reliability of Wikipedia as a medication information source for pharmacy students“, eine Analyse von Stacey M. Lavsa (PharmD) et al.

Stacey M. Lavsa (Doctor of Pharmacy an der University of Texas) und Kollegen untersuchten die Genauigkeit, Vollständigkeit und Referenzierung von Medikamenteninformationen der 20 meist verordneten Arzneimittel in den USA (12). Ihr Vergleich von Original-Beipackzetteln mit Artikeln der englischsprachigen Wikipedia sollte klären, ob Inhalte der freien Enzyklopädie als Informationsquelle für Pharmaziestudenten geeignet sind. Das Fazit ihrer Untersuchung:

Wikipedia does not provide consistently accurate, complete, and referenced medication information. Pharmacy faculty should actively recommend against our students’ use of Wikipedia for medication information and urge them to consult more credible drug information resources.“

„Wikipedia Signpost“, ein Informationsdienst der englischsprachigen Wikipedia, ging im April des vergangenen Jahres detailiert auf die Ergebnisse der Untersuchung von Stacey M. Lavsa et al. ein und zitierte Autor Colin – einen Wikipedia-Insider – vom WikiProject Pharmacology mit folgenden Worten (13):

„We could complain that Wikipedia articles are not written to give „patient information“, and that therefore the study was misguided in comparing our articles „with information found in the manufacturer’s package insert“ … Since there is only partial overlap between the purpose of an encyclopaedia and the purpose of patient or professional publications, any such comparison should take care to eliminate unreasonable expectations … However, I can’t disagree with the conclusion. I wouldn’t want my builder consulting Wikipedia for mixing mortar, never mind my pharmacist using a source any fool can edit. Our drug articles are generally poor …“

Ähnlich wie die deutsche Wikipedia-Redaktion „Medizin“ in ihrem Leserbrief zur Analyse von Prof. Ingrid Mühlhauser, Friederike Oser und Studierenden reklamiert auch Autor Colin, dass Wikipedia eine Enzyklopädie und kein Medium für Patienteninformationen oder professionelle Fachinformationen ist. Gleichwohl stimmt er zu, dass die Qualität der englischsprachigen Wikipedia-Artikel über Medikamente auch aus seiner Sicht dürftig ist.
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Zu hohe Erwartungen an Wikipedia?

Wikipedia (!) definiert den Begriff „Medienkompetenz“ als „die Fähigkeit, Medien und ihre Inhalte den eigenen Zielen und Bedürfnissen entsprechend zu nutzen.“ Die Frage, wie sich das Medium Wikipedia den eigenen Zielen und Bedürfnissen entsprechend nutzen lässt, bleibt seitens der freien Enzyklopädie hingegen unbeantwortet. Wikipedia nimmt zwar auf der Seite „Kritik an Wikipedia“ zu Aspekten Stellung, welche einer Nutzung von Wikipedia Grenzen setzen. Dort steht z. B.: „Aufgrund der demokratisch offenen Struktur der Wikipedia ist es nicht möglich, global verbindliche Standards durchzusetzen“. Global verbindliche Standards sind allerdings eine Frage des Willens. Sie lassen sich umsetzen, wenn bisher im Verborgenen stattfindende Prozesse (die teils gar nicht so demokratisch sind …) transparent gemacht werden und Insider Macht abgeben. Solange die Wikipedia-Community dazu nicht bereit ist, stellt sich die Frage, welche Erwartungen an Wikipedia tatsächlich gerechtfertigt sind.

Ist es überzogen, von Wikipedia Gesundheitsinformationen zu erwarten, die evidenzbasiert sind? Wikipedia ist doch „nur“ eine Enzyklopädie – wird jedoch von vielen Menschen unkritisch und ohne „medialen Beipackzettel“ konsumiert, um sich über medizinische Sachverhalte zu informieren. Ist es überzogen, Wikipedia-Artikel über Arzneimittel mit echten Beipackzetteln zu vergleichen? Wikipedia ist doch „nur“ eine Enzyklopädie – wird allerdings von amerikanischen Apothekerinnen und Apothekern durchaus zur Beschaffung von Fachinformationen genutzt. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine Untersuchung von Laurie Brokowski und Amy Heck Sheehan, die 2009 im Journal The Annals of Pharmacotherapy veröffentlicht wurde (14). Von den 1.067 befragten Apothekern gaben 28% an, Wikipedia gezielt zu nutzen, um sich über Arzneimittel – insbesondere Indikationen – zu informieren. Dabei wird leicht Wikipedia-Informationen vertraut, vor denen Stacey M. Lavsa et al. ausdrücklich warnen und die selbst Wikipedia-Insider Colin als „poor“ einstuft (13).

Was leistet Wikipedia und wo liegen die Grenzen dieses beeindruckenden Projekts für kollaboratives Arbeiten und Schreiben? Für mich persönlich entsteht der Eindruck, dass sich weder Medien noch Wikipedia selbst angemessen mit dieser Frage auseinandersetzen. Internet-Projekte für anonymes (!) kollaboratives Schreiben – in diese Kategorie gehört übrigens auch die GuttenPlag – haben viele Facetten. Es lohnt sich, sie differenziert und konstruktiv kritisch zu betrachten. Aus meiner Sicht lässt sich ihr großes Potenzial nur dann nutzen, wenn man sich ihrer Grenzen bewusst ist. Geht es um Kontroversen, so muss sorgfältig geprüft werden, ob die Anonymität der Autoren ihrem Persönlichkeitsschutz dient oder unlautere Motive sowie Macht-Strukturen kaschiert werden können. Ist Letzteres der Fall, so sind Qualitätsmängel vorprogrammiert.
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(1) Le Figaro, „L’AFP contre l’utilisation de Wikipédia“, 05.07.2011

(2) Wiki-Watch Blog, „Wikipedia-Verbot für AFP-Journalisten: Warum das Weblexikon nie die einzige Quelle für Medienberichte sein sollte“, 12.07.2011

(3) Ingrid Mühlhauser, Friederike Oser, „Sind medizinische und Gesundheitsinformationen auf den Internetseiten von Wikipedia evidenzbasiert? – Eine Inhaltsanalysestar“, doi:10.1016/ j.zefq.2008.06.019

(4) Leserbrief der deutschsprachigen Wikipedia-Redaktion „Medizin“ zur Publikation „Sind medizinische und Gesundheitsinformationen auf den Internetseiten von Wikipedia evidenzbasiert? – Eine Inhaltsanalyse“ aus ZEFQ, online publiziert (doi:10.1016/j.zefq.2008.06.019)

(5) Beyersdorff M.: Wer definiert Wissen? Wissensaushandlungsprozesse bei kontrovers diskutierten Themen in „Wikipedia – Die freie Enzyklopädie“ – Eine Diskursanalyse am Beispiel der Homöopathie. In Schriftenreihe Semiotik der Kultur / Semiotics of Culture. Lit Verlag, Berlin 2011-11-23

(6) Wissen und Macht im Web 2.0 – Entscheidungsprozesse in Wikipedia am Beispiel der Homöopathie, Blog „Informationen zur Homöopathie“, 25.11.2011

(7) Claus Fritzsche, „Wikipedia, Agitprop und Nina Gerlach“ – Dokumentation über das Mitglied einer Admin-Seilschaft der sog. Skeptiker-Bewegung bei Wikipedia Deutschland, H.Blog, 12.08.2007

(8) Claus Fritzsche, „Wikipedia sperrt H.Blog – Admin »Gleiberg« hilft Nina Gerlach“, H.Blog, 20.08.2007

(9) Annette Lorenz, „Beurteilung der Qualität zahnmedizinischer Einträge in Wikipedia – ein Vergleich mit zahnmedizinischer Fachliteratur“, Dissertation, 29.09.2009, http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/6884/

(10) Imke Plischko, „EDI Schweiz bestätigt Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit der lokalen und segmentalen Neuraltherapie“, 18.07.2011

(11) Dr. med. Hans Barop, „Wikipedia-Kritik: Neuraltherapie wird sachlich falsch und tendenziös dargestellt“, 01.02.2010

(12) Stacey M. Lavsa, Shelby L. Corman, Colleen M. Culley, Tara L. Pummer, Reliability of Wikipedia as a medication information source for pharmacy students, Currents in Pharmacy Teaching and Learning, Volume 3, Issue 2, April 2011, Pages 154-158, doi:10.1016/j.cptl.2011.01.007

(13) Autor HaeB, Research literature surveys; drug reliability; editor roles; BLPs; Muhammad debate analyzed, Wikipedia_Signpost, 11.04.2011

(14) Laurie Brokowski, Amy Heck Sheehan, Evaluation of Pharmacist Use and Perception of Wikipedia as a Drug Information Resource, The Annals of Pharmacotherapy, November 2009, 43:1912-1913; published ahead of print October 20, 2009, doi:10.1345/aph.1M340

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Lesetipp:

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Wer definiert Wissen?: Wissensaushandlungsprozesse bei kontrovers diskutierten Themen in „Wikipedia – Die freie Enzyklopädie“ – Eine Diskursanalyse am Beispiel der Homöopathie
Marius Beyersdorff (Autor)
310 Seiten, broschiert
Lit Verlag; Auflage: 1., Aufl. (23. November 2011)

Zielgruppe:
- interessierte und kritische Nutzer der Enzyklopädie Wikipedia
- Forschende, Lehrende und Studierende im Bereich der Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Moderne Medien, Diskursanalyse aber auch Homöopathie.

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Themen: Allgemein | 1 Kommentar »

Ein Kommentar to “Medizin: Wikipedia auf dem Prüfstand. Qualität von Gesundheitsinformationen ist hoch, befriedigend und sehr niedrig.”

  1. „Crashkurs Wikipedia“: Dr. Marius Beyersdorff erklärt, wie Wikipedia „funktioniert“ und teilweise von Interessengruppen missbraucht wird. | Neuraltherapie.Blog schreibt:
    29th.Februar 2012 um 07:32

    [...] einer Art „Meta-Analyse“, die ich kürzlich bei CAM Media.Watch veröffentlicht habe (1). Um meinen Lesern eine grobe Vorstellung davon zu vermitteln, wie stark die Qualität von [...]

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